Ist der Begriff „Totensonntag“ noch zeitgemäß?
Noch immer gibt es diese Bezeichnung. Ich finde den Begriff ganz furchtbar, irgendwie erdrückend. Schon als Kind habe ich den Begriff nicht verstanden, auch nicht nach den hilflosen Erklärungsversuchen meiner Eltern.
Schließlich geht es an diesem Tag ums Erinnern an Menschen, die uns einmal umgaben. Menschen, die ein Leben hatten, die zu unserem Leben dazu gehörten und in Gedanken noch immer bei uns sind.
Nicht nur der Begriff ist fragwürdig: Warum braucht man für das Erinnern einen bestimmten Tag? Entstanden ist dieser Gedenktag 1816 nach sogenannten Befreiungskämpfen, um verstorbenen Soldaten zu gedenken.
Menschen von heute trauern aber anders. Damals vermutlich auch, doch waren die Erwartungen an sie andere, weil es andere Zeiten waren.
Menschen gehen heute offener mit Trauer um. Zum Glück! Sie müssen auch nicht mehr schwarz tragen, weil es von ihnen erwartet wird. Und sie brauchen vor allem nicht einen bestimmten Tag zum Erinnern. Heute werden Menschen wegen ganz anderer Dinge stigmatisiert. Aber das ist ein anderes Thema.
Ich denke so oft an meine verstorbenen Menschen. Manchmal geschieht etwas Alltägliches und plötzlich ist die Erinnerung wieder da und ich bin traurig oder muss lächeln. Auslöser gibt es so viele: Gerüche, Jahrestage, Situationen, Lieblingsspeisen, Landschaften, wärmende Sonne, oder Regentropen auf der Haut.
Vielleicht kann man diesem Tag einen anderen Namen geben? Irgendwo habe ich gelesen „Tag der Stille“. Das gefällt mir. Ein Tag, an dem wir uns ganz auf uns selbst besinnen. Ein Tag, an dem wir uns selbst etwas Gutes tun. Vielleicht etwas, woran auch unser verstorbener Mensch Freude gehabt hätte.
Am Totensonntag darf keine Musik gespielt, nicht gefeiert, nicht getanzt werden. Dabei geht es um Respekt vor den Toten. Aber sollte ich den nicht immer haben? Warum darf ich an diesem Tag nicht etwas tun, was mir lieb ist, etwas was ich vielleicht mit meinem Menschen gemeinsam geliebt habe?
Übrigens: Während der Name „Totensonntag“ im Volksmund sehr gebräuchlich ist, bezeichnet ihn die Kirche oft als „Ewigkeitssonntag“. Mit dieser Bezeichnung liegt der Blick auf der christlichen Hoffnung auf das ewige Leben nach dem Tod.

